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Sprachlich angemerkt

von Julia Mastrobattista
am 10. Aug. 2011

MASSIVE ART Blogpost - Von Konnotationen

Es ist  ein wenig müßig über Sprache zu schreiben, weil der Gegenstand sich im ständigen Manifestieren befindet. Aber das Spannende an endlosen Unterfangen besteht dann in der Möglichkeit, einen Abgleich zu machen zwischen dem, was war, und dem, was ist, und dem, worin man sich geirrt hat.

Sprache ist ein Mittel der Aufmerksamkeit für etwas und dadurch auch gegen etwas. Betone ich das eine, dann vielleicht gerade deswegen, um etwas anderem kein Gewicht zu verleihen. Insofern ist der Umgang mit Sprache auch ein Mittel der Macht und ein Akt der Gewalt, Aufmerksamkeit zu steuern - Werbung ist nichts anderes.

Umgang mit Sprache bedeutet auch Verantwortung für ihre Verwendung zu übernehmen. Es gibt Wörter, Ausdrücke ohne auffälligen 'Hintergrund', ohne 'soziale Spur' und in aller Regel kümmern wir uns beim Gebrauch unserer Alltagssprache zu wenig darum, von welchem Kontext ein Wort, manchmal sogar eine ganze Redewendung begleitet wird. Dabei baut unser Sprachverständnis und unsere Verständigung im Alltag vor allem auf den mitschwingenden Konnotationen auf, die wir wahrnehmen und einsetzen, zumeist mit aller Selbstverständlichkeit.

Konnotationen sind geschichtliche Prägungen. Jedes Wort hat neben seinem lexikalischen Sinn, der sachliche Eintrag des Wortes im Lexikon, seinen usuellen Wert, der sich in den Konnotationen ausdrückt. Konnotationen:

*beeinflussen Stimmungen – emotionalisieren
*vereinfachen den Abstraktionsgehalt – vereinfachen uns das Denken
*stärken Normen – stabilisieren das, was wir als 'normal' annehmen
*prägen Klischees – festigen Meinungsbilder

Ein Beispiel aus dem Alltag: Ein 8jähriger Junge bemerkt über ein Spielzeug seiner Schwester, das sei doch schwul. Ein Wort im falschen Kontext mit weitgehenden, kurzfristig unbemerkten Auswirkungen. Zum einen weiß ein 8jähriger noch nicht um die Bedeutung des Wortes; er hat das Wort aufgeschnappt und verwendet es, seine Abschätzung zu einer Situation zum Ausdruck zu bringen, die nichts mit Schwulen, umgangssprachlich für Homosexuelle laut Duden, zu tun hat. Zum anderen setzt er das Wort so ein, wie es Erwachsene in der Gesellschaft bereits geprägt haben: als Beleidigung – durch die Wiederholung wird die Konnotation und somit auch unsere Vorstellung von der Richtigkeit der Wortverwendung verstärkt. Ich will die weiteren Folgen gar nicht ausführen, jeder kann sich kurz überlegen, welche Vorstellungen und Assoziationen allein dieses kleine Wort 'schwul' abruft. (Falls sich jemand diesem besonderen Spannungsverhältnis von Gesellschaft und Gender zuwenden möchte, kann ich nur empfehlen, Judith Butler "Die Macht der Geschlechternormen")

Es ist ein extrem plattes Beispiel. Jeder wird sagen, das ist doch ein alter Hut... Genau das ist es auch!? Das Wort 'schwul' trägt schon eine jahrzehntelange Abnutzung mit sich und ist jetzt soweit gesellschaftsfähig, für alles mögliche herzuhalten. Deswegen veranschaulicht es auch extrem gut, wie selbstverständlich wir Assoziationen und Konnotationen aufnehmen, annehmen und weitergeben - insbesondere dann, wenn es einen selbst nicht betrifft bzw. wenn man das 'nicht Normale' von seiner eigenen Normalität abgrenzen will. Vielleicht könnte man rückblickend sogar feststellen, dass das Wörtchen inzwischen in seinem Beleidigungscharakter geschwächt ist - was ich persönlich als ganz perfide Argumentation einstufen würde.

Ein weiteres Beispiel: Ich traf auf Kanadier (Kontext im geographischen Sinne eventuell für Konnotation wichtig) und sie benutzten das Wort 'Ghetto' als positiven Ausdruck. Ich musste mich sehr wundern, dass der Kontext für eine extrem negative, geschichtliche Situation eingesetzt wurde, um nun einen außergewöhnlichen Zustand positiv zu beschreiben. Dadurch wird rückwirkend normalisiert und egalisiert, indem das Wort, das seine Anwendung nur für diese singuläre, spezielle und geschichtlich gebundene Situation finden sollte, plötzlich auf andere Situationen übertragen wird. Gleiches gilt für das Wort 'Nazi'. Das Wort bezeichnet etwas ganz Bestimmtes, man kann es nicht einfach als Beleidigung wie 'Depp' oder 'Vollidiot' anwenden.

Konnotationen sind aufgrund ihres geschichtlichen Prozesses unauffällige, aber latente und permanente Wirkungsfaktoren; sie werden nicht in Frage gestellt, sondern selbstverständlich angenommen, weil sie schon immer zum Sprachschatz, mit dem man aufgewachsen ist, gehörten. Deswegen ist es umso schwieriger als auch erforderlich, hin und wieder der eigenen Sprachgewohnheit mit Aufmerksamkeit zu begegnen.

Konnotationen sind subtile Wegbegleiter, Intentionen und somit Aufmerksamkeit zu steuern – je bewusster, desto gezielter und je mehr den gesellschaftlichen Erwartungen entsprechend, desto unauffälliger..