Design Challenge: Es liegt im Auge des Betrachters

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Eine gute Freundin, die gerade ihre Masterarbeit zum Thema “Fehler” schreibt, hat mir folgende Frage gestellt:

“Was war dein größter Fehler?”

Fehler habe ich sicherlich viele gemacht. Da sich die Frage aber eindeutig auf meinen Beruf als Designer bezog, lassen sich vor- und spätpubertäre Sperenzchen glücklicherweise ausschließen – Fehlgriffe bei Frisur und Garderobe inklusive, 90er und Co. lassen grüßen. Doch gibt es so etwas wie einen "größten Fehler" überhaupt? Oder sind es nicht gerade diese – nennen wir es Hinweise – die wesentlich zum Erfolg eines Projekts beitragen?

Und damit: Zurück zum Job und zum “größten Fehler”. Denn da ist mir ein Projekt besonders in Erinnerung geblieben.

Was ist geschehen?

Wir erhielten den Auftrag, eine bereits bestehende Software im Web eins-zu-eins abzubilden. Grundsätzlich ein aus gestalterischer Sicht wenig aufregendes Projekt, denn bis auf ein paar kleine Anpassungen und die Bildbearbeitung sollten keine großen Aufwände auf meiner Seite entstehen.

Schon beim ersten Betrachten der Software erkannten wir starkes Verbesserungspotenzial – einerseits im Design, andererseits in Benutzerführung und grundlegendem Bedienkonzept. Angefangen bei nicht sprechenden Bezeichnungen, über Icons mit relativ geringer Aussagekraft und überladenen Screens bis hin zu übermäßig komplexen Abläufen und stark verschachtelten Menüs.

Es liegt in der Natur des Gestalters, Dinge in Frage zu stellen. Wenn sich dazu noch die Gelegenheit bietet, ein Produkt zu designen, das einen realen Bedarf deckt, ist die Motivation umso größer.

Somit habe ich das auch gemacht und mir überlegt, wie man die Aufgabe noch besser lösen könnte. Relativ schnell hatte ich ein paar brauchbare Ansätze und entschied mich dafür, diese dem Kunden zu präsentieren. Um es greifbar zu machen, konzentrierte sich die Präsentation hauptsächlich auf das Design. Zwar wurde die Bedienung auch angesprochen, aber der Fokus war ein anderer. Ein gutes Design kommt in Präsentationen meist besser an und lässt sich anders diskutieren als vergleichsweise trockene Flowcharts, User-Stories oder Spezifikationslisten. Allerdings ist Design auch bis zu einem gewissen Grad Geschmackssache.

Es hat dem Kunden gefallen! Wir bekamen den Auftrag eines Re-Designs für die bestehende Software.

An die Arbeit!

Motiviert vom ersten Erfolg und durch starkes Interesse am Produkt beflügelt dauerte es nicht lange, bis ich dem Kunden die ersten konkreten Ergebnisse meiner Arbeit liefern konnte.

Ich bin davon ausgegangen, dass die Unzulänglichkeiten, auf die wir gestoßen sind, zum großen Teil auf den Qualitäten des bis dahin verantwortlichen Gestalters basierten. Vieles war meiner Meinung nach mit einem – möglicherweise fehlerhaften – Designprozess zu erklären. Was ich nicht bedacht hatte, waren die zusätzlichen Faktoren, die letztendlich zum Status Quo des Projektes geführt haben. Davon war dann auch das Feedback zu meinen Vorschlägen geprägt.

Obwohl wir uns auf visueller Ebene gut verstanden, konnten viele meiner Ideen nicht in das Projekt einfließen. Meist waren die Entscheidungswege so komplex, dass der Aufwand etwas bereits Abgesegnetes erneut anzufassen den Nutzen bei Weitem überstieg. So konnten gerade die undurchsichtigen Navigationswege nicht angegangen werden – Details der Funktionalität standen nicht zur Diskussion.

Es hat sich herausgestellt, dass das Projekt von Beginn an von sehr vielen unterschiedlichen Aspekten und Personen beeinflusst wurde – von betriebsinternen Prozessen über technische Einschränkungen, den Verantwortlichen bis hin zu historisch gewachsenen Faktoren. Folglich war es nicht möglich, die wesentlichen (und wichtigsten!) Punkte meines neuen Konzeptes umzusetzen. Das Ergebnis war schlussendlich weit entfernt von meiner Vorstellung und ich war mit den Früchten meiner Arbeit nicht zufrieden.

Mein Fazit

Vom heutigen Standpunkt aus gesehen, habe ich dem Gestalter, der vor mir mit der Aufgabe betraut war, ein Stück weit unrecht getan. Vieles von dem, was er geliefert hat, beruhte nicht nur auf seiner eigenen Arbeit, sondern war viel tiefer im Projekt verwurzelt. Ich sehe nun auch seine Entwürfe mit anderen Augen und kann erkennen, wo er auf die gleichen Widerstände gestoßen ist wie ich. Allerdings erkenne ich auch an welchen Stellen es mir gelungen ist weiter zu gehen und etwas zu bewirken.

Ich bin mir sicher, dass dies nicht “mein größter Fehler” gewesen ist, aber es hat mich sehr beschäftigt. Mein Anspruch ist es, aus jedem Projekt das Beste herauszuholen. Es war mir wichtig dem Kunden eine neue – für mich optimierte – Version seines Produktes gezeigt zu haben. Auch bin ich Stolz, dass wir zu einem positiven Abschluss gekommen sind und nun ein funktionierendes und fertiges Projekt zu zeigen haben.

Aus diesem Projekt habe ich gelernt, äußere Faktoren wesentlich genauer zu betrachten und in meine Arbeit einfließen zu lassen. Für mich ist es nach wie vor wesentlich bei jedem Projekt aufs Neue nach den Sternen zu greifen – aber: Von einem festen Fundament springt es sich leichter.

(Bildquelle: © yamara/iStockphoto)

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