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Finger
weg
von
WeChat?
Alles
über
die
dunkle
Seite
der
App.

Wechat the dark side Titelbild

Die Kehrseite von WeChat ist mehr bitter als sweet

In Teil 1 "WeChat - Do you fancy the China lifestyle?" und Teil 2 "Warum europäische Unternehmen WeChat nicht ignorieren dürfen." der Blogserie „The future is seamless“ führten Anna und ich die etlichen Vorteile von WeChat für User und Unternehmen auf. Doch es ist nicht alles Gold, was glänzt.

Deshalb möchte ich mich im dritten und letzten Teil der Blogreihe der wirklich dunklen Seite von WeChat widmen.

0 von 100 Punkten beim Datenschutz-Check

In einem, von Amnesty International in 2016 durchgeführten Datenschutz-Test verschiedener Messenger-Anbieter landete WeChat mit haarsträubenden 0 (!) von 100 Punkten auf dem letzten Platz. Im Vergleich dazu konnte sich Facebook mit 73 von 100 möglichen Punkten den ersten Platz sichern.

Die chinesische Regierung liest mit

… und greift, wenn nötig, ein. Das legt WeChat bereits in seinen Datenschutzbestimmungen offen.

„Wir teilen Ihre Daten mit ausgewählten Empfängern, die über die rechtliche Grundlage und die Zuständigkeit für die Anforderung solcher Daten verfügen. Zu diesen Kategorien von Empfängern gehören: Regierungsbehörden, öffentliche Behörden, Aufsichtsbehörden, Gerichte und Gesetzesvollzugsbehörden {…}“

Dass man nicht davon wusste, kann also niemand behaupten. Der ziemlich grosse Haken an der Sache ist, dass, wie bereits in Teil eins beschrieben, kaum eine Alternative zu WeChat in Asien existiert - zumindest nicht in dieser Rang- und Grössenordnung. In der Nation des bargeldlosen Bezahlens wurde inzwischen auch die älteste Generation dazu gebracht mit dem Smartphone zu bezahlen – und diese findet ganz besonderen Gefallen daran. Verwunderlich ist das nicht, denn die Bewältigung des Alltags war faktisch nie einfacher. Doch diese Einfachheit bringt nicht nur Vorteile.

Payment-fähige Apps wie WeChat lehren Banken das Fürchten

Wer in Asien online oder offline shoppt oder Geldtransfers vornimmt, macht das überwiegend über Alibaba oder WeChat. In China weiss man, dass zahlungsfähige Apps nicht nur komfortabel und schnell, sondern auch kostenlos sind. Dazu braucht man nicht einmal eine Giro- oder Kreditkarte zu hinterlegen. Das hat zur Folge, dass viele Chinesen in den meisten Fällen gar kein Bankkonto mehr besitzen.

Dieser Wandel hinterlässt sichtliche Spuren im Bankwesen - nicht nur in China. Die Sehnsucht von Konsumenten und Unternehmen nach Apps mit integriertem Mobile Payment lässt Banken vor einem drastisch rückläufigen Geschäft zittern.

Abgesehen von fluktuierenden Geschäften auf der einen Seite, zeichnet sich die wohl dunkelste Seite beim gleichzeitig grössten Vorteil ab - der Convenience.

Totale Überwachung als zeitgemässe Reaktion auf unsere Convenience-Sucht?

Ist unsere Sucht nach Convenience wirklich so gross, dass wir jeglichen Kontrollverlust über unsere Daten in Kauf nehmen?
In China bezahlen die Einwohner dafür bereits mit ihren Daten und mit einer damit einhergehenden absoluten Überwachung. Zwar mehr oder weniger freiwillig, aber eine andere Option bleibt aus.

Was die Chinesen betrifft, ist die Regierung nicht nur an deren Inlands-, sondern auch am Auslandsverhalten interessiert. Und zwar an Aktivitäten aus dem realen Leben, sowie auch aus der Online-Welt. Zusätzlich hat es der Staat auch auf die Daten chinesischer Grosskonzerne, wie eben von WeChat, aber auch von Alibaba, dem „asiatischen Amazon“, abgesehen. Denn Alibaba verfügt über alle erdenklichen Daten des E-Commerce Verhaltens chinesischer Käufer und Verkäufer und ist damit eine wahre Daten-Goldgrube.
Interessant wird es für die Regierung dann, sobald ein komplettes Datenkonstrukt über eine Person aufgrund einer Agglomeration aus verschiedenen Quellen erstellt werden kann. Angereichert mit Aktivitäten aus Social Media, Messenger-Diensten, persönlichen Interessen und gepaart mit den Einkaufsgewohnheiten und anderen Vorlieben werden die Einheimischen transparenter denn je.

Erschreckend ist, dass Chinesen im Gegensatz zu Europäern sich kaum Gedanken um ihre Daten machen. Umso angsteinflössender scheint deshalb das angekündigte staatliche Bewertungssystem, welches auf genau solchen, oben beschriebenen Datenkonstrukten basiert.

Das Social Credit System dient der Volkserziehung

Zwei der Massnahmen, die die Regierung auf der Agenda des dreizehnten Fünfjahresplans (2015-2020) stehen hat, sind „Better and more innovative social governance“ und „Improve the Social Credibility System“. Ausserhalb von China würde man diese Massnahmen weniger optimistisch sehen. Kritiker stufen diese Massnahmen sogar u.a. als „Volkserziehungsprogramm“ ein.

Die Folge „Nosedive“ aus der beliebten Science-Fiction Serie „Black Mirror“ veranschaulicht, welche Auswirkungen ein Social Credibility System haben kann.

The future of social media. Rating everyone in your daily interactions

Ein solch, staatlich organisiertes Social Credibility System basiert auf Daten – Daten, die von WeChat und Co. tagtäglich en masse generiert werden. Zusätzlich ist der chinesische Staat dabei, Kameras in ganz China zu installieren. Mittels Gesichtsscan kann so jeder einzelne Bürger registriert und in weiterer Folge identifiziert werden, denn das System lernt mit. Und das hat natürlich dementsprechende Konsequenzen bei falschem bzw. unsittlichem Verhalten.

Gutes Verhalten wird belohnt, Sittenwidrigkeit bestraft

In das Ranking werden sowohl Fehltritte aus dem realen Leben, wie Vordrängeln an der Kassa, Überqueren von Strassen bei roter Ampel, sowie unpassende Online-Aktivitäten, wie u.a. Pornos schauen, mit einbezogen - eben all jene Daten, die via WeChat, Alibaba und Co. gesammelt werden. Bonuspunkte gibt es auf der anderen Seite zum Beispiel für den Erwerb von Bio-Gemüse.

Bei Strafen für schlechtes Verhalten ist unter anderem mit einer Sperre für den Kauf von Tickets für öffentlichen Verkehrsmittel, angefangen von U-Bahn-Tickets bis hin zu Flugtickets, zu rechnen.

Auch wir Europäer sind nicht vor einem Social Credibility System gefeit

Was es dem chinesischen Staat so leicht macht, ist die Vormundschaft über seine Bürger sowie das selbstauferlegte Verbot ausländischer Konkurrenten. Zudem ist die chinesische Bevölkerung bei Weitem nicht so datensensibel wie wir.

Nichtsdestotrotz leuchtet auch uns die Datensammlung zum Zweck des Nutzererlebnisses ein. Denn vermutlich sind wir alle ein Stück weit damit einverstanden, wenn sich unsere Experience entlang der Customer Journey verbessert. Convenience geht ja schliesslich vor (?!).

Zusammenfassend bedeutet das, auch wenn WeChat durch seine All-in-One App etliche Kundendaten zentral zu sammeln vermag, bedeutet das nicht, dass Mark Zuckerberg das nicht auch schon längst könnte! Spätestens nach Ankündigungen zu einer bevorstehenden digitalen Facebook-Währung und der Beta-Phase von WhatsApp Payment sowie Instagram In-App Shopping, wird deutlich, dass Facebook WeChat-artige Gestalt annimmt.

Wer also davon ausgeht, dass wir hier in Europa vor einem Social Credibility System gefeit sind, täuscht sich gewaltig. Aus technischer Sicht ist dies nämlich längst möglich. Google, Facebook, Instagram, WhatsApp, Amazon und Co. sammeln eifrig unsere Daten. Ergänzt man das grosse Ganze nun noch um die (mitlauschenden) Smart Devices wie Amazon’s Alexa und Co., die längst Einzug in unsere Haushalte und Alltage genommen haben, können sich die dahinterstehenden Corporates ein vollumfassendes Bild von uns machen. Da möchte man sich nicht vorstellen, was passieren würde, wenn diese Giganten letzten Endes miteinander oder gar mit der Regierung kooperieren (würden).

Gegenbewegungen zum WeChat-Hype

Während WeChat versucht, seinen Marktanteil immer weiter auszubauen, finden auf der anderen Seite bereits Gegenbewegungen zum WeChat-Hype statt. Denn laut dem aktuellen Quarterly-Report „The future of wellbeing in Asia“ gilt die mentale Gesundheit in Asien als der neue Reichtum. Durch WeChat verschmelzen die Grenzen zwischen Privatem und Beruflichem immer mehr. Geschäftliches findet immer häufiger auch ausserhalb der Arbeitszeit statt und das sind viele leid. Der chinesische Bezirk Xiangzhou setzt sich nun dafür ein, dass keine Job-bezogenen Nachrichten ausserhalb der Arbeitszeiten über WeChat versendet werden, um so eine gesunde Work-Life-Balance zu schaffen.

Fazit: Datensensibilität ist kein Synonym für Paranoia!

Zu Tode gefürchtet ist natürlich auch gestorben. Allerdings kommt man hier an dem Gedanken über das Ende der Freiheit nicht vorbei.
Chinesische Unternehmen, Einwohner und Touristen in China werden kaum einen Bogen um WeChat machen können. Trotzdem ist die App mit Vorsicht zu geniessen. Datenschützer warnen sogar vor der Verwendung von WeChat.

Jeder WeChat-User muss wissen, dass die chinesische Regierung mitliest und gegebenenfalls eingreift. Dies kann mehr oder weniger schwerwiegende Konsequenzen haben - vor allem im Zusammenspiel mit einem Social Credibility System.

Noch „schützt“ uns in Europa die europäische und/oder die länderspezifische Gesetzgebung vor einem eigenen sozialen Bewertungssystem. Nichtsdestotrotz sollte uns bewusst sein, dass Gesetze sich, besonders in politisch instabilen Zeiten, jederzeit ändern können.

Unsere Daten sind von enormer Wichtigkeit, deshalb sollten wir nicht fahrlässig damit umgehen.

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